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Das schaffe ich nie... - ein Ereignis aus zwei Perspektiven (03.10.2017)

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Laufen hilft Grenzen zu überwinden - innere und äußere, räumliche und zeitliche. Wer das nicht glaubt, kann sich von den Erlebnisberichten Anke Bayer-Thiemigs und Julia Ebers überzeugen lassen...

...und es ja vielleicht auch mal probieren.

Auch Julia Ebers Überzeugungskraft und das gemeinsame Training konnten mich nicht wirklich davon überzeugen, dass ich das „Scheiß-Ding“ (liebervoller Name von mir für den Bremer Halbmarathon) unter zwei Stunden laufen kann.
Das Angebot von Julia und auch von Julia Spreen mich als Pacemaker zu begleiten, stimmte mich nicht zuversichtlicher, gleiches hatte die letzten Jahre bereits Ute Hawranke versucht, trotzdem war ich immer kurz drüber geblieben.
Ich hatte gut trainiert, nicht ganz so oft mit Lisa (passte leider nicht immer), manchmal mit Julia oder Patricia, Intervalle dank Heiko auf der Bahn und viel alleine. Aber nicht zu viel, hatte ich mir doch zu Silvester vorgenommen,  „mache  weniger  Sport“.  Denn  zum  Laufen kommen seit Jahren noch Fatburning und Schwimmen dazu. Also bin ich nur dreimal die Woche gelaufen, dafür aber längere oder intensivere Strecken, vor vier Wochen dann in Wanna einen Halbmarathon als Trainingseinheit. Alles entspannt also.

Dann kam das Scheiß-Ding. Lisa hatte kurz vorm Start einen Notanruf von einem ihrer Schiffe (sie ist Kapitänin), Julia war aufgeregt (allerdings nur meinetwegen, läuft sie doch in Wirklichkeit den HM knapp über 1:30 Std.) und ich war eigentlich entspannt. Gemeinsam wollten wir das Ding rocken. Ich hatte mir immer wieder eingeredet, es ist ein weiterer Trainingslauf. Julia riet mir, mich mental besser vorzubereiten und brachte den Fuchs ins Spiel. Und so stellte ich mir vor:  Ich komme angelaufen, hungrig, frech...

Der Marathonzwilling Anna Hahner erzählte im Interview, dass sie während des Laufens Songs (nur im Kopf) singt. Also auch ich. Beim Alleinelaufen hatte ich Lieder wie „Alle Vögel sind schon da“ bis „White Christmas“ rauf und runter gesungen.

Der Startschuss fiel. Lisa war nicht in meiner Nähe, Julias Uhr versagte. Mist, sie sollte die Zeit kontrollieren. Das musste ich nun machen, wir sind zu spät auf die Idee gekommen, die Uhren zu tauschen. Die ersten Kilometer liefen entspannt, Lisas Freund schrie uns am Bürgerpark zu, dass sie kurz hinter uns sei.

Dann ging es weiter, bis zur Schlachte war es angenehm leicht, bei Kilometer 15 kam der erste Einbruch, bei Kilometer 18 nach dem Stadion die ersten Zweifel. Wo waren der Fuchs und die Liedzeilen? Weg.

Längst wusste ich durch Ute wie wichtig Pacemaker sind. Julia gab  alles, leistete Überzeugungsarbeit, versprach mir, dass das Ding bald geschafft sei. Auch sie bot mir ihre Hand in der Obernstraße, wie zuvor es Ute getan hatte. Doch ich wollte dieses „Scheiß-Ding“ alleine schaffen. Dank meiner enormen Weitsichtigkeit konnte ich die Zeit im Ziel schon im Knick an der Obernstraße sehen. Julia, Uhr, Zuschauer: alles war mir egal. Selbst das Lächeln, das ich mir beim Zieleinlauf vorgenommen hatte, war nicht auffindbar.

Ich musste nur noch über diesen Zeitmesser. Julia jubelte schon während des Laufens, fing mich mit offenen Armen im Ziel auf, sie war sichtlich gerührt. Und dann kam auch schon Lisa.

Nie wieder werde ich dieses Scheiß-Ding laufen, da war ich mir am Sonntag sicher. Nie wieder! Meine Beine waren okay, mental war ich fertig. Da nützten auch die vielen Umarmungen im Ziel, die liebevollen WhatsApp und Anrufe nicht. Nie nie wieder. Aber wir haben es geschafft: 1:57,12 für Lisa und 1:57,17 für mich.

Um sieben Uhr bin ich auf dem Sofa eingeschlafen, zuvor gab es einen fetten Schnaps. Nachts um ein Uhr kam der Hunger, Brote und Kaffee waren die Lösung. Erst dann konnte ich die vielen Mails (euch allen ganz ganz lieben Dank) lesen, bevor die Nacht weiterging.

Am Morgen stand fest: Vielleicht ist noch mehr drin. Vielleicht sollte ich das Scheiß-Ding umbenennen...

 

Und so hat es Julia gesehen:

Ziele steckt man sich, um sie zu erreichen. Wünsche hat man, um sie sich zu erfüllen. Es ist nicht immer ein Kinderspiel, sie aus ihrer Traumblase zu befreien und Realität werden zu lassen. Manche müssen dann einfach auch dort bleiben. So erfüllt sich der Traum vom Topmodel z. B. nicht immer, aber das hat dann ja vielleicht auch seinen Sinn. Manchmal braucht es aber auch einfach nur mehrere Anläufe und um Topmodelträume soll es hier nicht gehen. Anke und ich hatten eine andere Mission und wir sind nicht die ersten, die es versucht haben. Breaking two hieß die Devise. Wer braucht schon Monza, wenn es den swb Marathon in Bremen gibt. Man braucht keine Laborbedingungen, um dieses Ziel zu erreichen. Es ist auch möglich, an anderen Schrauben zu drehen, z. B. an der Streckenlänge. Vor zwei Jahren schrammte Anke in Begleitung von Ute Hawranke nur haarscharf an der Zweistundenmarke im Halbmarathon vorbei, um genau zusagen: Es waren nur sechzehn Sekunden. Eigentlich nix, aber wenn das eigene Ziel ist, die Strecke unter zwei Stunden zu laufen genau siebzehn Sekunden zu viel. Schon damals war ich mir sicher: Sie hat es drauf, nur sollte es eben diesmal (noch) nicht sein. Der Sommer 2017 näherte sich und somit konnte so langsam auch die Trainingsphase für den 13. Swb-Marathon eingeläutet werden. Mir war klar, dass das Ding mit den zwei Stunden noch bei Anke im Hinterkopf herumspukte, auch, wenn sie sich verhalten zu diesbezüglichen Nachfragen äußerte. Ich bot ihr an, sie dieses Jahr zu begleiten und ermunterte sie, es erneut zu versuchen. Zunächst winkte sie ein wenig unentschlossen wirkend ab. Als ich jedoch zig Mal beteuerte, dass das wirklich überhaupt kein Problem für mich sei und ich diesen Lauf supergut in mein eigenes Training für den diesjährigen Frankfurt-Marathon einfließen lassen könnte, willigte sie schließlich doch ein. Mein erster Job als Trainingsberaterin und Pacemakerin war eingetütet. Bis zu Tag X liefen wir, wenn es passte, einige Trainingskilometer in Wettkampfpace gemeinsam. Ich motivierte, versuchte mich in Mentaltraining und freute mich über Ankes stetig steigende Form. Am 1. Oktober um 11:30 Uhr hieß es dann endlich: The race is on fire… Die ersten Kilometer liefen wir ziemlich eng gedrängt im Getümmel und es war nicht so leicht einen vernünftigen Rhythmus zu finden. Zu oft hatte man einen Arm in der Seite oder einen Hintern vor der Nase, der sich schlichtweg weigerte, das gewünscht Tempo mitzugehen. Das Bild von meinen eigenen Pacemakerqualitäten bekam einen ersten Riss als ich feststellte, dass meine Uhr Amok lief und ein stetig wechselndes Gewirr von Zahlen anzeigte ganz sicher aber nicht unsere Pace. Ankes Uhr funktionierte glücklicherweise, aber so sollte es eigentlich nicht sein.

Zumindest klappte das Anreichen der notwendigen Verpflegung an der richtigen Stelle einwandfrei. Dafür, dass am Getränkestand hinter dem Weserstadion ausschließlich Cola angeboten wurde, konnte ich schließlich nichts. Anke schlug sich fantastisch und nachdem meine Nervosität wegen des Ausfallens meiner eigenen Uhr verflogen war, war ich zuversichtlich, dass sie ihr Ziel erreichen würde. Ein kurzes Aufbäumen von „ich kann nicht mehr“ an der Schlachte konterte ich mit Motivationssprühen wie „ Ich weiß, dass du es schaffst“, „Du läufst super und hast so gut trainiert“. Wohl wissend, dass ich selbst bei einem Halbmarathon in Berlin als ich nicht mehr konnte demjenigen, der mich mit derartigen Powersprüchen malträtierte, am liebsten die Zähne ausgeschlagen hätte. Somit war ich mir unsicher, ob meine Strategie aufging, aber Anke hörte auf zu murren und lief weiter. Als wir den Osterdeich hinunter liefen, den fröhlich motivierenden Zwei-Stunden-Ballon-Mann vor unsere Nase, war ich mir endgültig sicher: Anke wird ihr Ziel heute erreichen, breaking two is possible. Beseelt lief ich mit ihr in die Obernstraße. Die Hand, die ich ihr bot lehnte sie dann schließlich doch ab, aber wir sind ja auch nicht die Hahnertwins. Anke konnte das alleine! Als wir nach 1:57 irgendwas die Ziellinie überquerten waren wir glaube ich beide einfach nur froh und erleichtert. Anke blieb abrupt hinter der Ziellinie stehen. Der Lauf war geschafft und das Ziel sowas von erreicht. Eluid Kipchoge zieh dich warm an! Vielleicht können wir ja jetzt auch Nike als Sponser gewinnen. Sei es drum, Topmodel werden wir jedenfalls erst im nächsten Leben.

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